Die Gehorsamkeit

Es war ein regnerischer Tag. Frank spannte beim Verlassen des Hauses seinen Regenschirm und ging. Am Ende seiner Straße wartete er bis die verkehrsmüde Ampel endlich grün zeigte und überschritt die Straße.
An diesem kalten Montag war seine Missmut nicht besonders, da er dasselbe Gefühl von vergangenen Tagen kannte. Er dachte, während er seine Schritte auf dem nassen Beton verfolgte, an die Aufgaben, die ihn an diesem Tag erwarten würden. Neben den Gedanken, die er der Arbeit widmete, grübelte er: Okay, wenn ich heute Abend etwas länger mache und später bei Egon die Schicht im Kiosk übernehme, kann ich nächsten Monat vielleicht die – Verdammte Scheiße! Frank blickte auf und sah seinen Bus davonfahren. „Scheiße!“, sagte er nun laut, „jetzt muss ich zu Fuß gehen.“ So schritt er von Straßenecke zu Straßenecke, vertieft in die Sorgen, die ihn verfolgten. Nach einiger Zeit bemerkte er sein Handy in der Hosentasche vibrieren, zog es heraus und las eine SMS seines Chefs:
Mahlzeit Herr Klinkmann,
werden Sie heute noch erscheinen???
Frank blieb stehen, ließ beide Arme erschlaffen, sodass der Regenschirm den Boden berührte, schaute in den Himmel, machte die Augen zu und atmete einmal ganz tief durch, bevor er sich wieder fasste und weiterging, während die Tastatur des Handys seine Antwort aufnahm.
Kurz vor dem Knall des Aufpralls hörte man noch die Reifen quietschen. Das Quietschen der Reifen nach dem Aufprall, ging allerdings im Klirren der Schaufensterscheibe unter, welches der ausschlagende Anhänger des bremsenden LKW’s verursachte. Frank war sofort tot.

Vielleicht ist Frank gestorben, weil er in seiner Straße auf die Ampel gehört hat. Vielleicht hat ihn sein Handy umgebracht. Vielleicht war er schon vorher tot.
Die Gehorsamkeit

Die Lähmung

Er verarscht dich doch nur. Er verspricht dir Dinge, die er nicht hält und du weißt das ganz genau. Du willst es nicht wahrhaben. Willst dein Leben nicht ändern, weil doch gerade alles so bequem ist. Diese weichen Ledersitze. Du glaubst all seine Lügen und bist blind. Ein Geisterfahrer kommt dir entgegen, grüßt freundlich. Du vertraust jemandem, auf den du dich nicht verlassen kannst. Auf dessen Vertrauen du dich nicht verlassen kannst. Die Ampel springt auf rot. Du zeigst dich empört über seine Eifersucht und seinen ständigen, schon fast krankhaften Kontrollzwang. Das ist alles Fassade. Innerlich fühlst du dich begehrt und ein wenig wie eine Prinzessin. Du überfährst das Stoppschild, ohne es zu merken. Du bist wie in Trance. Das erste Mal war es noch hart für dich. Du hast dir einreden lassen, dass es deine Fehler seien. Mittlerweile stören dich die Züchtigungen nicht mehr. Sie sind gerechtfertigt. Selbst den Aufprall spürst du nicht. Ein Leben ohne Gewalt, kannst du dir gegenwärtig nicht vorstellen und identifizierst dich mit einem Schwein. Dabei nahmst du in Kauf selbst eines zu werden. Die Tür geht auf. Du hast deine Verwandlung nicht mitbekommen, lebst in einem Stall und kannst dich an die Zeit davor nicht erinnern.

Die Lähmung

Das Wehr

Sie ist mir egal. Sie ist mir schon lange egal.

Sie ist mir seit dem Tag der Enttäuschung egal.
Ich sehe sie nie und ehrlich gesagt, ist es mir auch egal.
Ich höre von ihr mit Interesse, doch berichte von ihr mit Desinteresse.
Die Wunden sind Tief, doch lindert allein das Hervorrufen ihres Lächelns den Schmerz.
Es ist nicht nur der Schmerz der Vergangenheit, es sind auch die Leiden der Gegenwart, die durch die Projektionen mal gestärkt und meistens geschwächt werden.
Auch wenn nur für einen kurzen Moment. Auch wenn nicht täglich, ist es doch ein befreiendes Gefühl von ihr zu hören.
In den Kommunikationspausen bin ich in meinem selbst errichteten Verlies gefangen. Der Boden ist kalt und nur ganz selten dringt ein flüchtiger Lichtstrahl wärmend durch die kurzen Gitterstäbe. Kein Wasser, kein Brot. Das Gesicht des Wärters ist nicht zu erkennen. Er sagt mir nicht wieso, nicht warum, nicht wie lange ich hier bin und noch bleiben werde. Würde er mich noch etwas mehr ignorieren, würde das Gefühl, ich bestünde aus Luft, vielleicht nicht nur ein Gefühl bleiben und ich könnte durch die Stäbe entfleuchen.
Beim Blick durch den eisigen, engen Raum fällt mir auf, dass die Tür zu meiner Zelle ein Schlüsselloch hat. War das schon immer da? Wieso ist mir das noch nie aufgefallen? In wessen Besitz ist der Schlüssel? Auf der Suche nach dem Fahrschein in die Freiheit, taste ich hektisch an meinem nackten, zitternden Körper entlang. Außer einer kleinen Schachtel, ohne Inhalt, trage ich jedoch nichts bei mir. Vielleicht hat der Wärter den Schlüssel oder vielleicht habe ich nicht richtig nachgesehen.
Ist es möglich, dass Sie ihn hat?
Ich könnte sie fragen, doch ich sehe sie nie und ehrlich gesagt, ist es mir auch egal.
Das Wehr

Die Teleportation

Die Katze blickt durch die Scheibe nach draußen.
Die Linsen, die Augen, beginnen zu staunen.
Sie leuchten, sie strahlen, sie schillern so warm.
Der starre Blick kalt, im Innern so klar.
Registration, Langzeitbelichtung.
Konzentration, Gedankenverdichtung.
Man glaubt zu erkennen, dass beide betrachten.
Die Katze die Landschaft, die Landschaft die Katze.
Kleintier und Blätter, der Wind jenen Tages,
Wipfel und Gräser im Spiegel des Glases.
Nur Reflexionen, nichts davon hinter dem Auge?
Die Welt in dem Tier, sie möchte nach Hause.
Die Sehnsucht wird stärker, das Heimweh wird breit,
die Pupillen größer und weiter als weit.
Du hast auch Augen. Was ist mit deinen?
Sind es die selben beim Blick durch die Scheibe?
Die Teleportation

Die Überlassung

Atme ein, atme aus, trete ein, trete aus.
Sage fein, sage ja, zahle ein, zahle aus.
Neue Kluft, neues Dach, neuer Hund, neues Boot.

Schöner Duft, schöne Frau, etwas Prunk, wenig Not.

Keine Zeit, keinen Saus, das was bleibt, ist der Braus.
Zahle ein, zahle drauf, sage nein und bin raus.
Frische Luft, helle Nacht, harter Grund, hartes Brot.

Alte Kluft, altes Dach, alter Hund, naher Tod.

Sage fein, sage ja, zahle zwei, zahle drei.

Schön ist das Leben, so sicher und frei.

 

Die Überlassung